Auszüge aus dem Vorentwurf vom
Antrag auf Plangenehmigung für die naturnahe Umgestaltung der Wietze, Abs. 5+6 (Prüßentrift – Große Heide)

1. Veranlassung / Zielsetzung

Die Wietze ist im Fließgewässerschutzsystem als „landesweit bedeutsam“ mit der Funktion eines Nebengewässers für die Wulbeck eingestuft worden (RASPER et al. 1991). Zugleich ist die Wietze das wichtigste Gewässer zur Ableitung von Oberflächenwasser aus dem nordöstlichen Stadtgebiet von Hannover.

Obwohl das Gewässer Anfang der 60er Jahre auf ganzer Länge als trapezförmiges Regelprofil ausgebaut wurde, weist es heute hydraulische Engpässe auf. Fehlender Retentionsraum und mangelnde Gewässerstruktur führen u.a. zu starken Erosionsschäden im und am Gewässer.

Zum Erreichen des gemäß EG-Wasserrahmenrichtlinie (EG-WRRL) geforderten „guten ökologischen Zustandes“ eines Fließgewässers bedarf es bei der Wietze vorrangig der Verbesserung der Gewässerstruktur. Das trapezförmig ausgebaute Gewässerprofil zeigt wenige Varianzen. Eine Wasserwechselzone fehlt fast vollständig. Die Längsstruktur ist gradlinig.

Die hydraulischen und ökologischen Defizite sollen durch die naturnahe Umgestaltung der Wietze ausgeglichen und ihre Funktionsfähigkeit für den Naturhaushalt, für die Selbstreinigung, für die Erholungsvorsorge und die Hochwassersicherheit des Siedlungsbereiches gestärkt werden.

Das Ingenieurbüro agwa wurde von der Stadtentwässerung Hannover mit der Vorplanung und Entwurfsplanung zur naturnahen Umgestaltung der Wietze im Stadtgebiet Hannover (Gesamtlänge 4,7 km) beauftragt. Auf Grundlage der seit Dez. 2005 vorliegenden Planunterlagen und des im Entwurf vorliegenden Gewässerentwicklungsplans (Matheja Consult & Bio Consult, 2010) beabsichtigt die Stadtentwässerung Hannover zunächst die Teilabschnitte 5 und 6 der Wietze (Stat. 2+865 - Stat. 3+547) naturnah umzugestalten. Der vorliegende Entwurf wurde hierfür von der Stadtentwässerung überarbeitet und modifiziert.

Das wesentliche Entwicklungsziel ist die Verbesserung der Gewässerstrukturgüte in den Parametern Sohlstruktur, Querprofil und Uferstruktur. Im Einzelnen soll dieses erreicht werden durch:

  • Einbau von Sohlrauschen und Totholzelementen (Förderung einer abwechslungsreichen Sohlstruktur),
  • Einbau von Strömungslenkern (Unterstützung der eigendynamischen Querprofilentwicklung),
  • Entwicklung von fließgewässertypischen Stauden und Gehölzen.

Die Region Hannover unterstützt Teilaspekte der Maßnahme mit Fördergeldern im Rahmen der „Förderrichtlinie zur naturnahen Entwicklung von Fließgewässern“.

5.2 Entwicklungsziel

Ein vom Leitbild vorgezeichneter Gewässerzustand wäre mit einer deutlichen Anhebung der Sohle und einer Wiedervernässung zumindest der bachnahen Bereiche verbunden. Eine solche Entwicklung ist jedoch angesichts der heutigen Nutzungsstruktur entlang der Wietze im hannoverschen Stadtgebiet nicht realistisch. Für die Festlegung der Entwicklungsziele muss daher festgestellt werden, welche Nutzungen dauerhaft gesichert werden sollen und welche in mittelfristiger Zukunft ggf. zur Disposition stehen (agwa, 2005):

  • Bauliche Anlagen und Verkehrswege haben grundsätzlich dauerhaften Bestandsschutz. Das bezieht sich vor allem auf die Ortslage Isernhagen-Süd. Darüber hinaus sind aber auch Rückwirkungen auf die oberhalb des Plangebietes anschließenden Gebiete (Oberlauf der Wietze, Laher Graben) zu berücksichtigen.
  • Anlagen der Ortsentwässerung (z.B. Regenwasserkanäle) müssen eine dauerhafte schadlose Entwässerung von Baugebieten gewährleisten.
  • Für die Naherholung soll der Bachlauf auch weiterhin im bisherigen Umfang zur Verfügung stehen. Fuß- und Radwege sollen dazu verhelfen, dass die Wietze und ihre künftige naturnahe Entwicklung in mehreren Abschnitten unmittelbar erlebt werden können.

Bedingt durch den technischen Ausbauzustand ist die Wietze heute überwiegend durch monotone Strukturverhältnisse gekennzeichnet. Eine den natürlichen Verhältnissen entsprechende Breiten- und Tiefenvarianz fehlt vollständig. Bei der Entwicklung vom heutigen naturfernen Zustand hin zu einem dem Leitbild angenäherten Bachbett sollen auch von der Strömung mitgeprägte Prozesse zum Tragen kommen. Hierdurch werden sich im Gewässer zunehmend charakteristische Sandbachstrukturen an Sohle und Ufern ausbilden. Voraussetzung dafür ist eine Duldung, besser noch eine Förderung eigen-dynamischer Entwicklungsschritte.

Wesentliche Ziele für die Gesamtentwicklung der Wietze im Stadtgebiet von Hannover, um den "guten ökologischen Zustand“ im Sinne der EG-WRRL zu erreichen, sind:

  • Verbesserung der Gewässerstrukturgüte mit den 6 Hauptparametern Laufentwicklung, Längsprofil, Sohlenstruktur, Querprofil, Uferstruktur und Gewässerumfeld durch die Entwicklung naturnaher Querprofile unter Inanspruchnahme verfügbarer Randbereiche; Art und Umfang der Entwicklungsmaßnahmen orientieren sich an den jeweiligen Platz-verhältnissen.
  • Variationsreiche Ausbildung des Mittelwasserprofils.
  • Entwicklung vielfältiger Sohlensubstrate durch Strömungsdifferenzierungen z.B. durch Einbau von überströmten Sohlrauschen aus Kies oder Totholzelementen.
  • Beibehalten der Sohlhöhe zur Sicherung der Ortsentwässerung.
  • Anlage zusätzlicher Retentionsbereiche durch Aufweitungen oberhalb der MW-Linie (u.a. durch die Anlage von abgesenkten Bermen und Böschungsaufweitungen, die bei Hochwasser als Retentionsraum dienen).
  • Entnahme entbehrlicher Uferverbauungen; ggf. Ersatz toter Baustoffe durch ingenieurbiologische Sicherungen, z.B. an Prallufern auf Höhe angrenzender Bebauung.
  • Förderung der Selbstreinigungskraft durch die Anlage von Wasserwechselzonen mit Röhrichtvegetation (z.B. Naßbermern auf Höhe der MW-Linie) und den Einbau von Sohlrauschen zur Sauerstoff-anreicherung.

6.1 Auswirkungen auf das Abflussvermögen

Die geplanten Maßnahmen (Einbau von Sohlrauschen / Kiesbänken, Buhnen aus Steinen oder Holz, Anlage von Bermen) wirken vorwiegend auf den Niedrig- und Mittelwasserabfluss. Der Niedrig- und Mittelwasserstand kann auf kurzen Strecken leicht ansteigen, was ein erwünschter Effekt – besonders in abflussarmen Zeiten - ist.

Da die Gesamtquerschnittsfläche der Wietze aber beibehalten oder stellenweise vergrößert wird, bleibt der Hochwasserabfluss unverändert. Das Wasservolumen kann weiterhin schadfrei abgeführt werden.

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